Hoffnung ist ein seltsames Geschäft. Keine Gesellschaft kommt auf Dauer ohne sie aus. Die Gestaltung sozialen Zusammenlebens erfordert enorme Anstrengungen. Auf kurze Sicht zeitigen die aber oft kaum greifbare Gewinne. Warum würden Leute gesellschaftliche Anstrengungen also trotzdem auf sich nehmen? Warum, wenn sie nicht hofften, dass es ihnen nur selbst besser gehen wird, wenn es allen in Zukunft besser geht? In Ländern wie Deutschland haben in den vergangenen Jahren zwei Leitbegriffe Hoffnung gesellschaftlich geschäftsfähig gemacht: Wachstum und Wohlstand. Wachsen wollen wir. Uns vergrößern müssen wir. Auf dass es allen wohl ergeht. Wir? Allen? Wohlstand wächst zwar weiter. Aber nur für ganz wenige. Für die dafür ins Unermessliche. Der Rest guckt in die Röhre und der Gesellschaft gehen spürbar die Gründe für gemeinsame Hoffnung und Anstrengung aus.
Den Zugang zum gesellschaftlichen Seelenleben macht Gaumer dabei mit der beherzten Wahl und eingängigen Vergegenwärtigung seiner Motive auf. Viele seiner Bilder baut er um die Darstellung von Lego-Figuren herum auf. Figuren aus Stadt-Sets der 90er Jahre. Entworfen für den Bau heiler Welten. Noch ohne irren Aufpreis für Lizenz-Gebühren an Hollywood-Film-Franchises. Der Vorstellung dänischer Designer vom glücklichen Zusammenleben in Kleinstadt und Familie entsprungen. Damals wohl schon eher Wunschtraum als Wirklichkeit. Aber in seiner Direktheit entwaffnend. Und in der Erinnerung an Kindheitsglück der Inbegriff einer Einschulung in gesellschaftliche Versprechen:  Probleme sind lösbar. Im Leben fügt sich alles. So wie ein Klemmbaustein auf den anderen. Etwas tief in meiner Seele spricht heute noch auf diese Steine an und warme wohlige Gefühle steigen in mir auf. Wenn nach stundenlangen Online-Unterricht im Lockdown meine Nerven blank lagen, hab ich abends Lego gebaut. Das beste Beruhigungsmittel.
Aber Gaumer ruft diese Erinnerungen nicht einfach bloß ab. Er arbeitet seine Motive malerisch durch. In bestimmten Bildern zum Beispiel verwischt er die Übergänge zwischen Figuren im Vorder- und Farbnebeln im Hintergrund. Die von den Figuren aufgeführten Szenen idealen Zusammenseins sind dann sichtlich in der Auflösung begriffen. Die Malerei holt Szenen aus den Nebeln der Erinnerung hervor, lässt sie aber auch wieder ins Verwischte zurück sinken. In anderen Bildern sind die zylindrischen gelben Lego Köpfe dagegen ausgesprochen plastisch heraus modelliert. Ihre maschinell aufgedruckten Glücksgesichter schauen einem dann auf unheimlich eindringliche, gespenstig lebendige Weise in die Augen. Unabweisbar melden sie Anspruch auf die Beantwortung der Frage an: Was ist nun jetzt mit uns? Wie soll es im Leben weiter gehen?
Was sich einem, an den Motivik von Gaumers Malerei ausgerichtetem, von Melancholie eingefärbtem Blick erschließen mag, ist also: ein letztes Aufleuchten eines Glücksversprechens, einer Hoffnung auf Zukunft aus der Vergangenheit, die in ihren Halt in der Gegenwart verliert, deren Verlust die Jetztzeit jedoch zutiefst bestimmt. Ein Blick, der die leuchtenden Nebel und lebendigen Texturen in den Bildern liebt, sieht aber auch noch etwas anderes: Auch wenn Zuversicht knapp wird, endet die Geschichte hier nicht. Eine Lust am Handeln schlägt im Malen durch. Und jede Handlung geht anders aus. Jedes Detail in der Malerei zeugt davon. Nach dem Glück des Bauens lässt mich Lego melancholisch werden. Das fertig gebaute Ding sieht immer exakt so aus auf wie im Foto auf der Packung. Das ist kein Unterschied, keine Differenz, kein Leben.
Gaumers Malerei dagegen lebt von Differenz und macht sie spürbar. Jedes Bild, jeder Strich, jede Fläche hat sein und ihr Eigenleben. Die Dinge leben von ihren Unterschieden. Ohne feste Bauanleitung lässt Gaumer eine Welt Gestalt annehmen. Vieles in ihr ist im Verschwinden begriffen. Aber das Verschwinden selbst ist malerisches Ereignis, nicht erlittenes Schicksal, sondern Zeugnis von künstlerischem Handeln. Da ist Schmerz. Aber die Form seines Ausdrucks zeugt von Leben. Anstelle der ungefragten Zuversicht, dass sich alles schon fügt, sind hier Kräfte am Werk, die in der Tat Welt gestalten. Diese Kräfte sollte man vermutlich nicht mit Hoffnungen verwechseln. Vielleicht lässt sich aus ihnen kein Wahlversprechen ableiten. Aber tatsächlich passiert da etwas wesentlich. Welt nimmt weiterhin malerisch Gestalt an. Immer wieder anders und aufs Neue. Und das ist schon ein sehr klares Ja zur Fähigkeit, eine Zeitwende nicht bloß zu erleiden, sondern zu begreifen und, inmitten ihrer, künstlerisch handelnd Unterschiede zu machen. Vielleicht ist das, was Malerei dabei auslöst, was in ihr passiert, so etwas wie ein Glück ohne Versprechen.